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Psychologie der Nazi-Mitläufer

In der Doku „Hitlers Macht - Die Psychologie der Mitläufer“ reist Mirko Drotschmann virtuell ins Berlin der 1920er- und 1930er-Jahre. Dort geht er der Frage nach, warum Millionen Menschen Hitler gefolgt sind und das NS-Regime unterstützt haben. Warum haben so viele mitgemacht?


Series: Geschichte des Extremismus in Deutschland

Episodes: (1/1)
  • Psychologie der Nazi-Mitläufer

In jeder Stunde, an jedem Tag, nur zu denken an Deutschland.

Auszug aus einer Hitler-Rede

Warum sind Millionen Hitler gefolgt?

Heute fällt es uns schwer zu verstehen, warum Millionen Menschen Hitler gefolgt sind und das NS-Regime unterstützt haben. Wir suchen noch immer nach einer Antwort auf eine der meistgestellten Fragen unserer Geschichte: Warum haben so viele mitgemacht? Und hätten wir mitgemacht, oder hätten wir uns so verhalten wie dieser Mann?

Um das zu beantworten, müssen wir uns fragen, warum Menschen überhaupt anderen folgen. Warum sind Millionen Deutsche Hitler gefolgt und wie ist es zu Aufnahmen wie diesen gekommen?

Propaganda und Massenveranstaltungen

Adolf Hitler, 1935 der sogenannte Führer mit nahezu unumschränkter Macht. Bei politischen Massenveranstaltungen wie Reichsparteitagen, 1. Mai Feierlichkeiten oder Erntedankfesten wird er als Erlöser und Heilsbringer inszeniert. So kommen manchmal hunderttausende Menschen zusammen, um ihn live zu erleben. Die Filme, die bei solchen Veranstaltungen entstehen, sind Propaganda – bewusst montiert, dirigiert und inszeniert.

Die Einheit, die Begeisterung, die Ästhetik, die Bilder sollen inspirieren, die Menschen einschwören auf das Regime, auf die Einheit des Volkes und vor allen Dingen auf Adolf Hitler. Es geht darum, ein Gemeinschaftsgefühl zu wecken. Identitätsstiftung ganz im Sinne der Propaganda: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“. So lautet die Parole. Die Nationalsozialisten achten akribisch darauf, welche Bilder veröffentlicht werden dürfen, und so wirken sie bis in die Gegenwart, denn es gibt wenig Alternativen zu den offiziellen Propagandabildern bei der Darstellung dieser Zeit.

Der Sog der Masse

Auch ganz ohne Propaganda oder Politik: Massenereignisse haben grundsätzlich eine starke Wirkung auf uns Menschen. Nehmen wir zum Beispiel das Oktoberfest: Menschen tanzen auf Bänken, sie sind ausgelassen und singen laut Schlager, obwohl man viele von ihnen an allen anderen Tagen im Jahr mit genau solchen Liedern jagen könnte. Sie lassen sich mitreißen von einem kollektiven Glücksgefühl.

Den Nationalsozialisten ist bewusst, wie stark der Sog von Massenveranstaltungen sein kann. In regelmäßigen Abständen lassen sie große Ereignisse stattfinden. In einer Zeit ohne Social Media, Internet oder Musikfestivals entfaltet das eine große Anziehungskraft. Die Nationalsozialisten wollen den Deutschen etwas bieten, wonach sie sich seit vielen Jahren sehnen: eine starke deutsche Gemeinschaftsidentität.

Hitler allgegenwärtig

Massenveranstaltungen sind aber nur ein Teil der Propagandamaschinerie und erreichen auch längst nicht alle Deutschen. Spätestens seit seiner Ernennung zum Reichskanzler ist Hitler deswegen auch ansonsten allgegenwärtig: beim Kinobesuch, auf den Straßen, bei der offiziellen Begrüßung, in jeder Altersgruppe.

Der Führerkult im Alltag

Der Führerkult zeigt seine Wirkung in der Bevölkerung. Der Vorname Adolf ist in den Jahren 1933 und 1934 besonders beliebt. Der sogenannte Führer ist ein Trendsetter. Natürlich hat er den Zweifingerbart nicht erfunden, aber wir alle kennen ihn heute als Hitler-Bart. In der NS-Zeit kann es sogar ein Scheidungsgrund sein, wenn einer der Ehepartner Hitler beleidigt.

Erziehung und Indoktrination

Auch die Erziehung ist fest in der Hand des Regimes. Kinder und Jugendliche sollen so früh wie möglich in das System eingegliedert und nach den Vorstellungen des Parteiapparats erzogen, geformt und indoktriniert werden. Hitlers Ideal: Gehorsam bis hin zur Unterwürfigkeit. Eine pädagogische oder akademische Bildung spielt für die Nationalsozialisten keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist es, die Jugendlichen zu zukünftigen Soldaten und Müttern zu erziehen. Sie sollen pflichtbewusst und gehorsam sein und ihre Entmündigung glücklich annehmen. Das sagte er auch ganz offen: "Diese Jugend lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben und sie sind glücklich dabei."

Durchdringung des gesamten Lebens

Familie, Freizeit, Beruf, öffentliches Leben, sogar die Kirchen – es gibt nichts, worauf Hitler und die NSDAP nicht einwirken wollen. Durch ihre Ortsgruppen und unzähligen Untergruppierungen prägen sie bald fast jeden Winkel des Lebens in Deutschland. Natürlich sind damals nicht alle Deutschen glühende Nationalsozialisten.

Was ist ein Mitläufer?

Auch als Hitler sich auf dem Höhepunkt seiner Macht befindet, stützen viele das System bis zu dessen Untergang, indem sie sich nicht wehren und nur mitmachen. Wir verwenden dafür gerne das Wort Mitläufer. Ein Mitläufer zu sein, das ist für die meisten von uns negativ besetzt. Der Begriff hat seit 1945 im Verlauf der Entnazifizierung eine neue Bedeutung bekommen.

Definition und Einordnung

Das Wort Mitläufer bezeichnet eine von fünf Kategorien, in die die Deutschen von den Alliierten nach dem Krieg eingeteilt werden, um das Ausmaß ihrer Verantwortung an den Verbrechen des Regimes zu ermitteln. Die Mitläufer kommen direkt vor den Entlasteten und haben nur geringe Strafen zu fürchten. Heute projizieren wir diese negative Bedeutung des Begriffs auch auf die Zeit vor 1945. Aber zu dieser Zeit spielte es gar keine große Rolle; mitzumachen und dazugehören zu wollen, das ist auch nicht negativ behaftet.

Konformität und Gruppenzwang

Diese Sensibilisierung für die problematischen Seiten des Mitlaufens ist relativ neu. Denn grundsätzlich bietet uns eine Gruppe Sicherheit, dafür büßen wir aber auch Freiheit ein. Das Verhalten und die Normen der Gruppe werden die Richtlinien für das Verhalten und die Normen des Individuums. Das nennt man Konformität. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe kann an Bedingungen geknüpft sein. Werden diese Bedingungen nicht erfüllt und entspricht das Verhalten nicht den Regeln der Gruppe, dann kann das Individuum unter Druck geraten. Wir kennen das alle als Gruppenzwang.

Psychologisches Experiment

Ein wichtiger Aspekt bei der Antwort auf die Frage "Hätten auch wir mitgemacht?". Um das herauszufinden, benötigen wir die Psychologie. Meine Kollegin, die Wissenschaftsjournalistin Jasmina Neudecker, hat nach Experten gesucht, die erforschen, wie stark der Einfluss einer Mehrheit in unserer Gesellschaft auf uns sein kann.

Aufbau des Experiments

"Ich bin hier in der Frankfurter Fußgängerzone. Hier will ich ein kleines Experiment dazu machen, wie schwer es uns Menschen fällt, im Alltag gegen gesellschaftliche Normen zu verstoßen. Dafür habe ich mir drei Probanden eingeladen, die von der Sache noch nichts wissen."

Weil es bei unserem Test um das Thema Konformität geht, habe ich mir Unterstützung von einer Sozialpsychologin geholt. Professor Juliane Degner untersucht das Verhalten von Menschen in Gruppen.

"Sie haben ja gesagt, ich kann hier in der Innenstadt ein Experiment machen. Es soll darum gehen, wie schwer es Menschen fällt, etwas zu tun, das nicht den Erwartungen entspricht. Das einfachste ist, Sie bitten Leute zu singen. Einfach mal durch die Stadt zu laufen und zu singen und mal zu schauen, ob sie sich das trauen. Das ist etwas total Harmloses, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es ihnen schwerfallen."

Unser Experiment ist bewusst niedrigschwellig angelegt. Doch wie werden die Testpersonen reagieren? Wer ist denn so mutig? Die anderen schicke ich weg, damit sie noch nichts mitbekommen, worum es geht.

Stufe 1: Alleine hat sich keiner getraut

Experimenterin: „Ich habe dir hier ein kleines Hockerchen hingestellt. Die Idee wäre, dass du dich da drauf stellst und hier mitten in der Fußgängerzone ganz laut singst. Egal was eigentlich.“

Probandin: „Okay, ja gut, wäre schön wenn ich singen könnte.“

Sie zögert. Probandin: „Also trotzdem würde ich mich glaube ich... aber nicht singen.“

Experimenterin: „Du kannst dich entscheiden, ganz frei.“

Probandin: „Nee, das möchte ich nicht machen. Nee, sorry.“

Experimenterin: „Was fühlt sich daran denn so komisch an?“

Probandin: „Die Aufmerksamkeit, die man bekommt von anderen. Dass die Blicke auf einen gerichtet sind und dann, ich weiß nicht, andere denken: Was macht die denn? Was macht die Alte da? Ist die durchgeknallt?“

Stufe 2: In der Gruppe

Ganz alleine hat sich keiner getraut. In Stufe 2 unseres Experiments sollen sie es als kleine Gemeinschaft versuchen.

Experimenterin: „Jetzt folgender Vorschlag: Wie wäre es, ihr macht es zu dritt?“

Probandin: „Vom meinem Gefühl her sind wir drei also auch noch zu wenig, aber ich glaube, umso größer die Gruppe wird, umso einfacher wird es natürlich.“

Experimenterin: „Wir suchen uns Leute.“

Zwei Leute, die mit uns was singen? Aber am Ende haben wir Glück.

Experimenterin: „Vier, schon genug. Okay, dann, wenn Sie vielleicht mit uns singen?“

Probandin: „Okay, mit mir sind wir jetzt zu sechst. Wir einigen uns auf Happy Birthday, das kann schließlich jeder.“

Zusammen in der Gruppe war es echt nicht so schwer.

Probandin: „Ja, das war jetzt auch gar nicht so schlimm. Also wenn man so in der Gruppe dann ist und dann alle singen, dann ist es auch irgendwie so in dieser Gruppe ganz normal. Ja, man sieht ja auch, dass andere dann doch mit eingestiegen sind, auch, also so komisch ist es dann ja eigentlich doch nicht.“

Was das Experiment zeigt

Wir haben unser Experiment bewusst so angelegt, dass es eigentlich keine große Hürde darstellen sollte. Es ging ja nur um Singen. Doch selbst dabei kostet es schon sehr große Überwindung, etwas zu tun, das gesellschaftlich nicht anerkannt ist; sich anders zu verhalten als der Rest. Es gibt relativ feste Normen, auch wenn sie ungeschrieben sind, wie man sich in der Öffentlichkeit verhält. Laut singen gehört eigentlich nicht dazu. Und es ist harmloses Verhalten, das ist ja eigentlich ein schönes Verhalten, und trotzdem ist es unüblich genug, dass es uns im Normalfall schwerfällt, das zu tun. Die Norm, wie man sich verhält, ist so eine starke Vorschrift, dass man sehr, sehr selten dagegen verstößt.

Wieso fällt einem das so viel leichter, wenn man auch nur eine kleine Gruppe ist? Sobald wir sozialen Zusammenhalt haben, also Unterstützung von anderen, sind wir keine Einzelperson mehr, keine Außenseiter mehr. Also wenn ich in einer Gruppe bin, dann falle ich ja nicht mehr auf, weil ich mich innerhalb dieser Gruppe normal verhalte. Meine gesamte Gruppe fällt auf, aber ich kann das dann so ein bisschen ausblenden, indem ich mich auf die Gruppe selbst konzentriere, auch die anderen anschaue, da ein bisschen Rückhalt suche, auch einander signalisiere: Wir sind hier normal.

Wir sind einfach Herdentiere. Teil einer Gruppe sein zu wollen, ist evolutionär in uns verankert und nicht per se schlecht. Nur muss man im Ernstfall dann natürlich diesen Impuls des Dazugehörenwollens überwinden.

Übertragung auf Widerstand und Mitläufertum

Wenn es noch nicht einmal gelingt, sich in eine Fußgängerpassage zu stellen und zu singen, wo gar nichts passieren kann, wie schwer ist es erst, wenn das Verhalten, das man vielleicht zeigen möchte, sanktioniert wird? Wenn es dafür Strafe gibt? Wenn es vielleicht heißt, dass meine Nachbarn nicht mehr mit mir sprechen wollen? Oder wenn die Polizei gerufen werden kann? Oder aber, wenn Gefängnis oder sogar Verfolgung oder Tod folgen? Wir wissen aus der deutschen Geschichte: Wir waren nicht alle Widerstandskämpfer und Kämpferinnen, sondern die wenigsten waren das, weil es eben sehr, sehr schwer ist, sich gegen die Masse zu wenden.

Unser Versuch heute hat deutlich gemacht, wie stark der Einfluss der Gruppe auf jeden von uns ist. Was unser Experiment hier im Kleinen zeigt, ist, wie wir Menschen ticken. Es ist einfach nie leicht, als Einzelner gegen die Gruppe zu gehen und aus der Masse herauszustechen. Aber nur weil dieser Wunsch nach einem Gemeinschaftssinn evolutionär so tief in uns verankert ist, heißt es nicht, dass wir ihn nicht auch hinterfragen können, um im richtigen Moment dann vielleicht doch kein Mitläufer zu sein.

Einordnung: Mitläufer nach dem Krieg

Wir lassen uns von den Menschen um uns herum fundamental beeinflussen. Das ist auch heute noch so und kein Phänomen der Vergangenheit. Die Gründe für den Aufstieg des Nationalsozialismus allein mit dem Führerkult und Gruppenzwang zu erklären, greift aber deutlich zu kurz. Unsere Frage ist damit auch noch nicht beantwortet. Viele von denen, die Hitler hier glühend verehren, werden sich nach dem verlorenen Krieg als Mitläufer bezeichnen, um ihre eigene Rolle im NS-Apparat herunterzuspielen.

Im Deutschland nach dem Krieg berufen sich später viele auf Befehle von oben, den sogenannten Befehlsnotstand.

Wie funktionierte die Diktatur?

Aber entspricht das der Wahrheit? Wie funktioniert die Diktatur des NS-Staats?

Gleichschaltung und eine Partei

Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler werden nach und nach alle anderen Parteien und z.B. auch Gewerkschaften verboten. Ab Juli 1933 gibt es in Deutschland nur noch eine einzige Partei: die NSDAP. Gesellschaft und Medien werden gleichgeschaltet. Was die Nationalsozialisten als undeutsch oder nicht arisch ansehen, soll verschwinden oder zerstört werden.

Es kommt reihenweise zu Entlassungen, vor allem von Juden, Regimekritikern und Sozialdemokraten. Die Anhänger von Adolf Hitler und der NSDAP profitieren davon. Die Entlassungen bedeuten, dass viele Stellen frei werden und dass sich neue Aufstiegschancen bieten. Für den persönlichen Vorteil akzeptieren viele Deutsche, dass Menschen diskriminiert, verfolgt und später sogar deportiert werden.

Volksgemeinschaft und Ausgrenzung

Die Nationalsozialisten wollen mit der sogenannten Volksgemeinschaft eine neue Gesellschaftsordnung schaffen, der nur ein Teil der Bevölkerung angehören kann, nämlich der, wie sie es nennen, "reinrassige, gesunde Deutsche". Gleichzeitig werden alle anderen als Volksschädlinge und fremdvölkisch bezeichnet und aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen – allen voran die jüdischen Deutschen. Die Volksgemeinschaft definiert sich auf diese Weise in erster Linie über den Ausschluss der sogenannten Gemeinschaftsfremden, wie die Nazis sie nennen.

Innerhalb dieser Volksgemeinschaft werden Einheit und Solidarität gefordert und beschworen. „Ein Volk hilft sich selbst“, so lautet eine der vielen Parolen, die den Zusammenhalt fördern und Deutschland stärken sollen. „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, heißt es.

Eskalation der Verfolgung

Die Ausgrenzung, Enteignung, Verfolgung und Ermordung von Nachbarn, Arbeitskollegen oder Bekannten geschieht, ohne dass ein wesentlicher Teil der Bevölkerung sich wehrt. Und die Eskalation geht schnell. Am 1. April 1933 lassen die Nationalsozialisten jüdische Geschäfte boykottieren. Zwar machen viele mit, aber die meisten schauen noch weg. Ganz vereinzelt gibt es sogar Berichte über Solidarisierungen.

Nur fünf Jahre später werden bei den Novemberpogromen 1938 Jüdinnen und Juden misshandelt, verschleppt und getötet. Jetzt werden mehr Deutsche zu Tätern und machen mit. So gut wie niemand wagt Protest. Im Krieg folgt wenige Jahre später der systematische Völkermord. Wer nicht zur Volksgemeinschaft gehört, der hat kein Recht auf deren Schutz. Er befindet sich nicht einmal auf Augenhöhe. Dass Trambahnen, Parkbänke und Geschäfte nicht von Juden genutzt werden dürfen, oder dass Ortschaften damit werben, "judenfrei" zu sein, ist zu diesem Zeitpunkt scheinbar nicht mehr verwerflich, sondern schon logisch: Sie gehören nicht mehr dazu.

Wir können uns kaum vorstellen, dass Moralvorstellungen so schnell so grundlegend verfallen, wie das Beispiel der NS-Diktatur beweist. Wie konnte es dazu kommen? In unserer Doku "Hitlers Macht: Der Aufsteiger" erfahrt ihr mehr über die wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche, ohne die Hitlers Aufstieg undenkbar gewesen wäre. Ihr findet die Doku in der ZDF Mediathek, schaut da gerne mal rein.

Der Weg der NSDAP an die Macht

Die NSDAP und Adolf Hitler profitieren bei ihrem Weg an die Macht von einem tiefsitzenden Trauma: Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg. 1920 war die NSDAP noch eine winzige völkische Splitterpartei. Hitler rückt schnell an ihre Spitze und ihr Einfluss nimmt rasant zu. Nachdem ein Putschversuch 1923 in München gescheitert ist, beschließt er, auf legalem Wege die Demokratie in Deutschland zu beseitigen. Ab Ende der 1920er Jahre wird die NSDAP mehr und mehr zur Volkspartei und hebt sich bewusst von der politischen Konkurrenz ab. Alles Alte soll weg: die alten Politiker, die alten Parteien, die alten Probleme. Die NSDAP verspricht neue Perspektiven, ein neues Deutschland. Auch personell: Viele Nationalsozialisten sind deutlich jünger als die meisten anderen Politiker der Weimarer Republik.

Als Deutschland von der Weltwirtschaftskrise 1929 hart getroffen wird, kann Hitler die Ängste der Menschen für sich ausschlachten. Die öffentliche Meinung zu Hitler dreht sich. Er hat noch nie regiert, inszeniert sich als unverbraucht, als Lösung der Probleme. Viele Deutsche sehen ihn als Retter, andere zumindest als das kleinere Übel.

Machtübernahme 1933

Es folgt eine Serie von Wahlerfolgen, an deren Ende die NSDAP stärkste Kraft im Reichstag ist. Am 30. Januar 1933 wird Hitler zum Reichskanzler ernannt. Nun macht er sich daran, die Demokratie zu beseitigen. Schon nach vier Wochen beginnt eine Verhaftungswelle gegen Kommunisten. Weitere vier Wochen später beschließt der Reichstag das Ermächtigungsgesetz. Hitlers Regierung kann jetzt allein Gesetze erlassen. Die Gleichschaltung Deutschlands beginnt in einem atemberaubenden Tempo.

Die NSDAP verzeichnet in dieser Zeit einen großen Zulauf – so groß, dass sie keine neuen Mitglieder mehr aufnimmt. Die Nationalsozialisten haben Sorge, dass zu viele Opportunisten den Weg in die Partei suchen und sich davon Vorteile erhoffen. Die Grenzen zwischen überzeugten Parteimitgliedern und Opportunisten sind selbst für das Regime manchmal kaum auszumachen.

Hitlers vermeintlicher Erfolg

Das Bild Hitlers als Retter überzeugt spätestens jetzt nicht mehr nur die Parteianhänger, sondern auch die breite Öffentlichkeit. Hitler ist überzeugt von seiner Mission. Tatsächlich sieht es zunächst so aus, als habe Hitler Erfolg. Durch die Wirtschafts- und Rüstungspolitik, den Aufbau der Armee, durch die Beschränkung der Frauen auf die Mutterrolle und dank hemmungsloser Staatsverschuldung entstehen viele neue Arbeitsplätze. Der Bau der Autobahnen wird Hitler sogar heute noch zugesprochen.

Später werden vor allem außenpolitische Erfolge und die sogenannten Blitzsiege zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als Beweis für die Unfehlbarkeit des sogenannten Führers inszeniert. 1940 steht Hitler im Zenit seiner Macht. In der Wahrnehmung vieler Deutscher ist er kein normaler Mensch mehr, er gilt fast schon als Erlöser.

Bis heute: Der Nimbus um Hitler

Bis heute existiert ein Nimbus um Adolf Hitler, wenn auch in anderer Form. Wir sprechen über Hitler-Deutschland oder den Führerkult. Und noch immer vom Hitlerbart. Rollt jemand das R zu hart, hören wir auf. Niemand zuckt zusammen, wenn ein Kind Joseph, Heinrich, Leni, Magda oder Hermann heißt. Der Vorname Adolf ist aber ein Tabu.

Was hätten wir gemacht?

Überzeugung, Gehorsam, Opportunismus, Bequemlichkeit und Angst. Die Mehrheit der Deutschen fügte sich aus einem oder auch aus mehreren dieser Gründe in die sogenannte Volksgemeinschaft ein. Für die Nationalsozialisten reicht es, wenn die Mehrheit der Menschen nicht aufbegehrt, damit ihr System gestützt wird und funktioniert.

Der Mann, der sich verweigerte

Und ihr und ich, was hätten wir gemacht? Hätten wir mitgemacht oder wären wir wie dieser Mann gewesen? Es ist nicht eindeutig geklärt, wer er war. Es könnte sich um August Landmesser handeln, der eine Jüdin geliebt hat und sie heiraten wollte – eine Rassenschande, so die Nationalsozialisten. Beide überlebten die NS-Diktatur nicht. Es könnte aber auch der Schlosser Gustav Wegert sein. Er war gläubiger Christ, lehnte das NS-Regime ab und verweigerte den Hitlergruß. Er hat den Krieg überlebt.

Was wir daraus lernen können

Einerseits ist es schade, dass die Identität des Mannes nicht eindeutig bekannt ist. Andererseits zeigt gerade das, dass es verschiedene Gründe geben konnte, um sich dem Regime zu verweigern. Letzten Endes sind es oft die vielen vermeintlich kleinen Entscheidungen, durch die Widerstand entsteht. Deshalb ist es wichtig zu hinterfragen und Entscheidungen basierend auf Vernunft, auf Fakten und Mitgefühl zu treffen und Mut zu haben. Denn Forscherinnen und Forscher haben herausgefunden, dass wir dem Druck durch eine Gruppe einfacher widerstehen können, wenn wir Verbündete haben. Und dieser Verbündete kann jeder von uns sein.

Wenn ihr wissen wollt, welche Propagandatechniken Hitler genutzt hat, die auch heute noch in den sozialen Medien erfolgreich sind, schaut in das Video bei MrWissen2go Geschichte. Unseren Schwerpunkt zur Machtübernahme der Nationalsozialisten findet ihr in der ZDF Mediathek.